Wilhelm Burow, ein gebürtiger Kürtower, schickte mir im Dezember 2004 eine Auszug aus seinem Manuskript zu einer Familienchronik, mit der Genehmigung, diesen hier zu veröffentlichen. Dieser zweite Teil gibt einen Einblick in das dörfliche Leben in Kürtow während der Zeit zwischen 1900 und 1945.
Familiengeschichte
von Erich Burow und Erna Burow
geb. Sell
und ihrem Sohn Wilhelm Burow
(Verfasser)
Teil 2 unserer Familienchronik
beginnt nach 1900 mit der Geburt meiner Eltern. Um die weitere Schilderung
übersichtlicher und anschaulicher zu gestalten, stelle ich ihr eine
zusammenhängende Beschreibung der Lebensumstände in Kürtow voran. Die
Darstellung der dörflichen Entwicklung im Einzelnen beginnt jeweils um 1870 und
endet 1945. Sie überschneidet sich am Anfang teilweise mit den Ausführungen in
Teil 1. Der Schwerpunkt liegt naturgemäß in der Lebenszeit meiner Eltern und
meiner Kindheit.
7 Kürtow zur Zeit der Großeltern, Eltern und während meiner Kindheit
Es war die Zeit des Deutschen
Reichs, der Weimarer Republik und des Dritten (NS-) Reichs. Den Anfang markierte
der Krieg 1870/71 gegen Frankreich, mit dem Ergebnis der Reichsgründung; dann
folgte 1914-1918 der Erste Weltkrieg, und am Ende der Zweite Weltkrieg
1939-1945. Kürtow gehörte zum Kreis Arnswalde und damit zur Neumark
(Brandenburg), im Dritten Reich zum pommerschen Regierungsbezirk
Schneidemühl.
Der Ort war noch immer in
Rittergut und Bauerndorf aufgeteilt. Das Gut umfasste auch die benachbarten
Vorwerke (ausgelagerte Gutsbereiche) Golzenruh und Heinrichswalde und war seit
1839 im Besitz der Familie von Schlieffen. Zum Bauerndorf gehörte auch der
Ortsteil Kürtow-Abbau. 1905 wurden beim Rittergut 1881 ha
mit 455 Einwohnern, beim Dorf 705 ha mit 293 Einwohnern gezählt. 1939 gab es
34 Bauernhöfe. Zum Gutsbereich gehörten auch Stellmacherei, Schmiede, Maurer,
Förster, Fischer und die Brennerei. Im Privatbesitz war die außerhalb gelegene,
mit Wasserkraft betriebene Mühle; privat arbeiteten sicher auch der Schneider
und Schuster.
Der dörfliche Charakter von
Kürtow hat sich in der Zeit von 1870 bis 1945 wenig verändert. Politische,
soziale und technische Entwicklungen haben natürlich das Leben im Deutschen
Reich allgemein stark beeinflusst, am meisten in den großen Städten, am
geringsten sicher in einem bäuerlichen Dorf wie Kürtow. Alte, einfache
Lebensgewohnheiten und Arbeitsweisen haben sich hier schon wegen der
Abgeschiedenheit, des tief verwurzelten Traditionsbewusstseins und der
begrenzten finanziellen Möglichkeiten der Bauern am längsten erhalten.
Gegenüber den einfachen
Dorfbewohnern lebten aber die Gutsbesitzer auf Grund ihrer gesellschaftlichen
Stellung und ihres Vermögens in einer herausgehobenen Sphäre. Sie hatten
besseren Zugang zu Bildung, Kultur und Vergnügungen der Großstädte, insbesondere
natürlich in Berlin. Auch pflegten sie oft gesellschaftliche Kontakte zu den
benachbarten Gutsfamilien, luden wechselseitig zu Festen ein oder arrangierten
Tanzkurse für ihre Jugend. Für die Unterrichtung der Kinder wurden
Hauslehrer angestellt.
In Kürtow lebte die Gutsfamilie von Schlieffen in dem
schmucken Barockschloss mit schönem Park auf einer Halbinsel am See. Im
Buchenwald am anderen Seeufer stand das Mausoleum der Familie.
Etwas herausgehoben lebten wohl
auch die Familien von Pfarrer, Lehrer, Rechnungsführer des Guts und Gutsinspektor. Im
Folgenden wird im Wesentlichen das "einfache" Dorfleben beschrieben.
7.1
Landwirtschaft
Trotz der
intensiven Förderung der Landwirtschaft gehörte der Osten nach der
Reichsgründung 1871 zu den Problemzonen des Deutschlands. Die Landwirtschaft
litt an der überseeischen Konkurrenz, die Warenwege zu den
Absatzmärkten im Westen waren zu lang und teuer, der einheimische Markt zu
klein. Abwanderung der arbeitslosen Landbevölkerung in die Industriestädte oder
nach Amerika war die notwendige Folge. Von diesen Problemen war, wie schon
beschrieben, auch Kürtow betroffen. Einige Sells sind nach Nordamerika
ausgewandert und weitere 13 Verwandte aus den Familien der Vorfahren zogen nach
Berlin. Auswandern zur Beseitigung von Arbeitslosigkeit ist ja heutzutage in
größerem Umfang kaum noch möglich.
Die
Landwirtschaft war in Kürtow 1872, wie der frühere Gutsinspektor Otto Thym
beschreibt, von der Saat bis
zur Ernte überwiegend immer noch von Handarbeit geprägt, lediglich unterstützt
durch 8 Pferdegespanne und 28 Ochsen. Als Belegschaft gibt er neben
10 Deputatfamilien auch 22 Drescherfamilien an; ein Zeichen dafür, dass auch das
Dreschen nach der Ernte noch langwierig von Hand mit dem Dreschflegel ausgeführt
wurde. Zu den saisonbedingten Arbeiten auf dem Gut kamen regelmäßig zusätzlich
weitere deutsche Arbeiter und später auch Polen ins Dorf. Sie wohnten in der
eigens dafür errichteten "Schnitterkaserne". Während des Zweiten Weltkriegs
wurden dafür und auch als Ersatz für die eingezogenen Arbeitskräfte polnische
Zwangsarbeiter und russische Kriegsgefangene eingesetzt. Die Mechanisierung und
Motorisierung steigerten im Laufe der Zeit die Produktivität, vor allem im
Gutsbereich. Bei den Bauern hielten diese Errungenschaften bei ungünstiger
Betriebsgröße und geringer Finanzmittel nur zögerlich Einzug; Handarbeit war
hier auch weiterhin vorherrschend.
Ein
erster Schritt zur Mechanisierung auch kleinerer Bauernhöfe war das sog.
Rosswerk (Pferdegöpel): Pferde zogen dabei eine Hebelstange, deren eine
Seite an einem Getriebe befestigt war, im Kreis und trieben so über
weiterführende Wellen und Treibriemen stationäre landwirtschaftliche Maschinen
an, z.B. Häckselschneider zum Herstellen von Strohfutter.
1871
wurden in einer Arnswalder Zeitung schon Dampfdreschmaschinen zur Vermietung
angeboten. Auf dem Gut Kürtow waren bis Ende der 1930er Jahre (Dampf-)
Lokomobilen im Einsatz. Außer zum allgemeinen Kraftantrieb eigneten sie
sich besonders zum Pflügen großer Felder. Dabei standen sich je zwei Maschinen
am Feldrand gegenüber und zogen den Pflug an einem Seil hin und her. Zur
Steuerung fuhr auf dem Pflug eine Bedienperson mit.
Nach dem
Ersten Weltkrieg wurden Traktoren (Lanz-Bulldogs und Raupenschlepper)
angeschafft. Mähmaschinen, Selbstbinder (Mähmaschine, die zugleich die Garben
bindet) und Dreschmaschinen lösten nach und nach die Handarbeit der Schnitter,
Binder und Drescher ab, Andere Maschinen und Geräte sorgten für weiteren
Fortschritt, Elektromotoren hielten nach 1920 auch in bäuerlichen
Betrieben Einzug, wo ansonsten aber weiterhin überwiegend Zugpferde im Einsatz
waren.
Ein
großer wirtschaftlicher Faktor für das Gut war die Fischerei in den 9 Seen des
Guts. Im Winter wurde mit Netzen, die zwischen Löchern im Eis gezogen wurden,
gefischt. In der Brennerei wurden Kartoffeln zu Alkohol verarbeitet.
7.2
Haushaltung, Familienleben
Das
Familienleben spielte sich in den meisten Häusern hauptsächlich in der Wohnküche
ab. In das Wohnzimmer, die "gute Stube", ging man sofern vorhanden nur an
Festtagen.
Wasser
konnte bei mehreren
Pumpen im Dorf gezapft werden.
Einfache
Außentoiletten waren Standard.
Brennmaterial waren
ursprünglich Holz und Torf. Jeder Bauer hatte in dem kleinen Torfmoor vor dem
Dorf einen Bereich, aus dem er seinen Bedarf decken konnte; das Stechen und
Trocknen des Torfs war eine mühsame Arbeit. Für die Schmiede holte mein
Großvater, wie erzählt wurde, noch um 1900 regelmäßig Holzkohle von den Köhlern
aus den großen Waldgebieten des Kreises. Im Gutsbereich setzte sich aber dann
nach und nach die Kohle- und Brikettfeuerung durch.
Kochen
und Heizen: In der Küche stand
ein gemauerter Herd ("Kochmaschine"), der zugleich als Heizung diente. In der
Wohnstube wärmte meist der im deutschen Osten verbreitete große Kachelofen. Sehr
praktisch war die darin eingelassene, durch eine eiserne Tür verschließbare
"Röhre" zum Warmhalten von Speisen und Wasser, im Winter auch zum Brutzeln von
Bratäpfeln.
Backen: Brot und
natürlich Kuchen wurden durchweg selbst gebacken. In den neueren Häusern gab es
dazu besondere Öfen. Vor dem Dorf war aber bis zuletzt noch ein großer
(Freiluft-) Backofen in Betrieb, in dem regelmäßig mehrere Familien gemeinsam
backten. Auch die Hochzeitskuchen von Otto Thym entstanden auf diese Weise, wie
er berichtet: "Nachmittags (17.03.1875) bei sehr heftigem Schneefall und starkem
Sturm Kuchen im Backofen vor dem Dorfe gebacken und gegen Abend erst damit
fertig geworden."
Große
Wäsche war ohne
Maschineneinsatz schwere Handarbeit. Der große Waschzobel diente auch als
Badewanne.
Beleuchtung: Zur Beleuchtung im
Haus dienten anfangs Kerzen und Petroleumlampen, bis 1920 endgültig elektrisches
Licht eingeführt wurde. Es wird aber auch berichtet, dass mit Kienspan
(harzhaltiges Nadelholz) im Herdfeuer ebenfalls Leuchtwirkung erzielt werden
konnte.
Lebenshaltung; sie war
soweit wie möglich auf Eigenversorgung eingerichtet: Feld- und Gartenwirtschaft,
Viehhaltung, Hausschlachtung, Spinnen, Stricken, Weben, Nähen. Anzüge und
Kleider ließ man auch vom Schneidermeister des Dorfs fertigen. Fußbekleidung
- besonders im Sommer und im Alltag - waren Holzpantoffeln (Holzsohlen mit
Lederkappen), die der Stellmacher fertigte. Als Kind lief man im Sommer viel
barfuß. Die Gutsangehörigen erhielten auch Deputatleistungen und Bargeld.
Darüber hinaus durften sie ihre Kühe zusammen mit der Gutsherde hüten lassen;
zum Melken fanden diese abends allein in ihren Stall zurück. Die Gänse wurden
auf die Gutsweide (Fohlenkoppel) getrieben oder abwechselnd von den beteiligten
Familien auf anderen Wiesen und abgeernteten Feldern gehütet.
Auf dem
Gut existierten in früherer Zeit zwei Eiskeller, in die im Winter Eis aus
dem See als Kühlmittel für die warme Jahreszeit eingelagert wurde.
Meine
Großmutter Hedwig Strutz, verw. Sell, geb. Dörr hat noch bis in die 1950er Jahre
im Schäferhaushalt ihres Schwiegersohns Walter Nass Schafwolle gesponnen
Auf
unserem Dachboden in Kürtow stand bis zuletzt noch ein alter Webstuhl.
Die jetzt über 90 Jahre alte Erna Moeck geb. Wolfgram, die mir vieles aus
ihrem Leben in Kürtow für diese Chronik erzählt hat, berichtet auch, dass ihre
Großmutter Leinen für Unterröcke, Handtücher und Schürzen gewebt hat. Der Flachs
dazu wurde nach der Ernte zunächst bündelweise im Backofen geröstet. Die spröde
gewordene Bastschicht fiel danach beim Durchlauf durch eine handbediente
Maschine ab, übrig blieben die Leinenfasern, die anschließend genässt und durch
die Sonne getrocknet und gebleicht wurden. Dann konnten sie versponnen
werden.
Daunen
und Federn für Betten gaben die
Gänse her. Das mühsame Federnreißen besorgten mehrere Familien reihum
gemeinsam an den langen Winterabenden, die damals wirklich noch ihren Namen
verdienten. Dabei wurde gesungen und erzählt, wie auch ich mich noch erinnern
kann. Um Mitternacht servierte der jeweilige Gastgeber "Berliner" und
Kaffee.
Ein
aufwändiges Geschäft, an das ich mich ebenfalls erinnere, war die Gewinnung von
Rübenkraut (Rübensaft, "Kräude"). Die Zuckerrüben wurden gereinigt und zu
Scheibchen "geschnibbelt". In einer Presse musste man dann mit viel Kraft den
Saft herausdrücken. Danach begann das langwierige Eindicken des Saftes durch
Kochen und Rühren in einem Kessel auf dem Herd. Das zähflüssige Endprodukt war
der ersehnte Brotaufstrich; er diente aber auch als Zuckerersatz und war der
Hauptbestandteil für die zu Weihnachten unentbehrlichen Pfefferkuchen. In einer
Pfanne zu einer festen Masse gebraten, war er schließlich auch
Bonbon-Ersatz.
7.3
Verkehrsanbindung, Infrastruktur, Verwaltung
Asphaltstraße
("Kunststraße") nach Arnswalde, Pflasterstraßen zu benachbarten
Dörfern.
Eisenbahn: Seit
1847/48 in Arnswalde, 10 km von Kürtow, und seit 1895 in Wardin, 3 km von Kürtow
entfernt.
Post: Zu
meiner Zeit kam einmal werktags das Postauto zur Poststelle (Familie
Zühlsdorf/Horrmann); Mitfahrmöglichkeit für wenige Personen. Die Post wurde im
Dorf anschließend ausgetragen.
Andere
Verkehrsmittel: Man ging zu Fuß, fuhr mit dem Rad oder mit dem Pferdewagen.
Ein Auto besaßen in den 1930er und 1940er Jahren nur wenige, wie der
Gutsbesitzer, der Gastwirt, der Müller und der Lehrer.
Telefon
: Mit Sicherheit gab es
schon einen Anschluss vor 1915 (s. Postkarte mit Gasthof Falk); im Jahr 1926 je
einen Anschluss beim Gut, der Brennerei, der Mühle und dem Gasthof.
Radio
vermutlich zunehmend in den 1930er Jahren.
Kino
regelmäßig (?) im
Gasthaussaal.
Arzt im
benachbarten Zühlsdorf, Hebamme im Ort.
Feuerwehr
: Vor 1945 gab es ein
Spritzenhaus mit Schlauchturm, einen kleinen Mannschaftswagen, den mein Vater
fuhr, und eine Motorspritze. Die Freiwillige Feuerwehr wurde durch Signalhorn
vom Gastwirt alarmiert.
Polizei
in Arnswalde (?)
Ortsverwalter
(Bürgermeister) in Kürtow. Wichtige
Mitteilungen wurden an einen "Stock" geklemmt und von Haus zu Haus
weitergereicht. Standesbeamter war, wie schon ausgeführt, nach 1870 zunächst der
Lehrer, später der Rechnungsführer auf dem Gut.
Schule: Im 19. Jhdt.
gab es eine kleine Schule in der Priesterstraße; nach 1862 wurde die
2-klassige Schule im Sellnower Weg errichtet. Zur Oberschule nach Arnswalde
schickten seinerzeit in erster Linie nur die "Bildungsbürger" (Lehrer, Pfarrer,
Rechnungsführer) ihre Kinder. Mein Vater, der durch seinen Aufenthalt in
Arnswalde und Berlin einen gewissen Weitblick gewonnen hatte, wollte auch mich
schon damals schulisch fördern.
Gastwirtschaft/Festsaal
mit Gemischtwarenhandlung und eine weiteres
kleines Gemischtwarengeschäft dienten der Grundversorgung. Zu anderen
Besorgungen, Einkäufen und Vergnügen fuhr oder lief man nach Arnswalde. Auch
Stargard und eventuell Stettin konnte man per Eisenbahn für Tagesbesorgungen
erreichen. Für Besuche in Berlin musste man aber mehrere Tage einplanen.
7.4
Gesellschaftliches Leben
Auch in einem Dorf wie Kürtow gab es
Anlässe und Möglichkeiten, sich zu treffen und zu unterhalten.
Selbstverständlich besuchte man regelmäßig an Sonn- und Feiertagen den
evangelischen Gottesdienst in der mittelalterlichen Kirche. Der kirchliche
Unterricht, der Kirchenchor und der Jungmädchenkreis u.a. ergänzten das
Gemeindeleben. Im weltlichen Bereich luden im betrachteten Zeitraum weitere
Gruppen zum Mitmachen ein: Freiwillige Feuerwehr, Turnverein, Kriegerverein
(Erinnern und Gedenken an die Kriege 1870/1871, 1914-1918), Gesangverein
"Frohsinn", Bismarckjugend, Jungmädchenverein, später Jungvolk, Hitlerjugend und
BDM. Treffpunkt für Festlichkeiten war die Gastwirtschaft und der zugehörige
Festsaal. Frau Moeck erzählt, dass im Sommer am Sonntagabend hier regelmäßig
eine Musikkapelle aus Arnswalde oder Neuwedell spielte. Dann wurde bis zum
Morgen getanzt; manchmal blieb gerade noch die Zeit, sich zur Arbeit
umzuziehen.
Auf dem
großen Turnplatz standen ein Barren und ein Reck, in der Hauptsache wurde aber
wohl Ball gespielt. Auch der See lud zu vielfältiger Betätigung ein, im Sommer
zum Schwimmen, Rudern und Angeln. Im Winter rodelte man den steilen Seeberg
hinunter bis weit auf das Eis hinaus, ging spazieren oder lief Schlittschuh.
Schlittschuhe konnten sich neben der Gutsfamilie aber nur wenige leisten. Als
Ersatz wurde ein steifer Draht unter den Holzpantinen befestigt.
Für die
Gutsangehörigen mit ihren Familien gab es im Jahresablauf noch besondere
Veranstaltungen:
Nach der
Getreideernte wurde das Erntefest gefeiert. Die Gutsleute zogen mit Musik und
einem Erntekranz, geschmückt mit bunten Bändern, vor das Schloss und übergaben
ihn mit Sprüchen und guten Wünschen der Gutsfamilie oder dem Verwalter. Danach
ging es zum Feiern und Tanzen auf den Kornboden. Zum Kaffee beim Beginn erhielt
jeder 3 "Berliner", die Familie Wolfgram von Frau Moeck also 21 Ballen! Nach der
Abendtafel wurde bis in den Morgen getanzt. Hierüber und auch über andere
Gepflogenheiten auf den Gütern kann man auch bei Graf von Krockow in seinem Buch
"Die Reise nach Pommern" nachlesen. Jedes Jahr wurden die Gutskinder zur
Weihnachtsfeier eingeladen und beschert. Zur Konfirmation erhielten sie eine
Bibel.
Ein
Großereignis in Kürtow war das 700-jährige Jubiläumsfest des Dorfes am 22. und
23. Mai 1937 mit einem reichhaltigen Programm: Fackelzug, Festgottesdienst,
historischer Festzug, Reiterquadrille mit Ackerpferden, Militärkapelle, Reden,
Vorträge, historische Führung, Theater, Volkstanz, Vergnügungen usw. Pfarrer
H.-G. Furian hatte aus diesem Anlass eine Festschrift mit einem ausführlichen
Rückblick auf die Geschichte von Kürtow verfasst. Da andere Dokumente verloren
gegangen sind, ist dies heute eine überaus wertvolle Informationsquelle.
Wem das
gesellschaftliche Angebot in Kürtow nicht genügte, wer einmal etwas anderes
erleben wollte und es sich leisten konnte, fuhr in die Kreisstadt Arnswalde.
Dort gab es Sportvereine verschiedenster Art (auch Tennis und Wassersport), eine
Tanzschule sowie Gaststätten und Veranstaltungen mit städtischem Flair. Noch
attraktiver waren natürlich Stargard, Stettin und Berlin, wo es die Landwirte
z.B. zur Grünen Woche hinzog.
7.5
Kürtow in der NS-Zeit
Das dunkle Kapitel der deutschen
Geschichte hatte seine Schatten auch auf Kürtow geworfen. In meiner Kindheit
habe ich nur wenige Auswirkungen persönlich gespürt und nach dem Krieg von den
Erwachsenen speziell darüber nicht viel mitbekommen; vielleicht habe ich einiges
vergessen oder man hielt mich auch für zu jung dafür oder hat überhaupt nur
wenig darüber erzählt.
Es wird
wohl in Kürtow so wie überall in Deutschland gewesen sein. Einige Menschen
ließen sich von der NS-Ideologie überzeugen, sich von der allgemeinen Euphorie
mitreißen. Andere waren froh, dass die unruhigen 1920er Jahre vorbei waren und
scheinbar wieder Ordnung einkehrte, und nahmen nur die positiven Seiten wahr.
Kritik zu äußern war zudem nicht opportun und gefährlich. Es war sicher auch
schwer, insbesondere in einem abgelegenen Dorf, sich eine fundierte Meinung zu
bilden, denn Zeitungen und Rundfunk waren dem Normalbürger nur begrenzt
zugänglich und nach 1933 vom NS-Staat gleichgeschaltet.
Von
meinen Eltern weiß ich, dass sie während der NS-Zeit und nach dem Krieg immer
gegen extreme politische Ansichten eingestellt waren. Dennoch mussten auch sie
sich in jener Zeit auf das neue Regime einstellen. Dazu gehörte die
Hakenkreuzfahne im Haus und das Hitlerbild im Wohnzimmer.
Bekanntlich haben die
Nazis gleich nach der Machtübernahme schnell alle Schlüsselpositionen in
Verwaltung und Verbänden mit eigenen Leuten besetzt. In Kürtow wurden
vom Ortsgruppenführer
Jungvolk-, Hitlerjugend- und BDM-Gruppen gebildet. Die Jugend machte sicher
unbekümmert und begeistert mit. Als kleines Kind hatte ich selbst nur wenig
Berührung hierzu. Wie offizielle Anweisungen und Richtlinien des neuen Regimes
dann umgesetzt wurden, ob übertrieben streng oder mit Augenmaß, hing aber nicht
zuletzt vom menschlichen Verhalten der Ausführenden ab.
Unliebsame Personen
oder solche, die sich nicht gleich einordnen wollten, bekamen bald die neue
Macht zu spüren. Pfarrer Hans-Georg Furian in Kürtow gehörte, wie sein Sohn Dr. Hans-Otto
Furian erzählt, der Bekennenden Kirche an. Diese richtete sich in der
"Barmer Theologischen Erklärung“ vom 31.05.1934 gegen die vom
Nationalsozialismus ins Werk gesetzte Verfälschung der christlichen Lehre durch
die NS-treuen Deutschen Christen. Im Jahr 1935 sollte dagegen von den Kanzeln
eine Erklärung "Wider das Neuheitentum" verlesen werden. Dies wurde aber den
staatlichen Stellen bekannt. Da die Pfarrer im Kreis Arnswalde es ablehnten,
darauf zu verzichten, wurden sie inhaftiert, ein paar Tage später jedoch ohne
unmittelbare Konsequenzen wieder entlassen. Im März 1941 wurde Pfarrer Furian
nochmals für eine Woche inhaftiert.
Nach dem
Angriff Hitlers auf Russland im selben Jahr wurden dem Gut Kürtow als Ersatz für
die eingezogenen Soldaten ca. 50 russische Kriegsgefangene für die
Landwirtschaft zugeteilt. Sie wurden auf dem Dachboden eines Stalls mit geringer
Bewachung untergebracht. Sie kamen aus einem Zentrallager in Stargard und waren
bei der Ankunft in Kürtow krank, erschöpft und halb verhungert. Obwohl sie dann
hier pfleglich behandelt wurden, starben in der ersten Zeit etwa 9 - 11
Gefangene. Pfarrer Furian setzte nun durch, dass sie christlich bestattet
wurden. Jeweils im Morgengrauen bewegte sich der Leichenzug mit Pfarrer,
begleitenden Gefangenen und Bewachung weitgehend unbemerkt einige Kilometer aus
dem Ort. In einem Waldstück der Kolksberge bei der Försterei fanden die Toten
ihre letzte Ruhe. Selbst die Bewacher mussten sich mit "Helm ab zum Gebet" vor
den von Hitler als Untermenschen betrachteten Russen verbeugen.
Neben den russischen Kriegsgefangenen wurden in Kürtow auch etliche Polen zur Zwangsarbeit eingeteilt. Sie wohnten ohne Bewachung in der Schnitterkaserne und dem Betsaal neben der Schmiede. Ihnen wurde auch eine geringe Entlohnung (?) und sogar Heimaturlaub gewährt. Es ist zu vermuten, dass das Leben der Zwangsarbeiter hier im ländlichen Bereich im Vergleich zu dem der Industriearbeiter noch einigermaßen erträglich war. Es wird aber berichtet, dass sie auch in Kürtow manchmal schikanös behandelt wurden.
Zur Zeit
meiner Großeltern und Eltern gehörte die Gastwirtschaft und der
Gemischtwarenladen in Kürtow der jüdischen Familie Falk. Auf einer Ansichtskarte
von 1915 ist vermerkt: "Gasthof und Materialwarenhandlung v. Max Falk
Fernsprecher Zühlsdorf Nr. 8". Seine Kinder Berthold und Elli gehörten zur
Generation meiner Eltern. Die beiden Geschwister sind 1929 auf dem Hochzeitsfoto
von Anni Burow, der Schwester meines Vaters, abgebildet. Mit Berthold war mein
Vater eng befreundet, u.a. verband sie die gemeinsame Leidenschaft des Angelns
und Skatspielens.
Nach
Beginn des Naziregimes begann allgemein das Leiden der jüdischen Bürger. Wie
sich die Kürtower gegenüber den Falks verhielten, ist mir im Einzelnen nicht
bekannt. Leider habe ich meine Eltern und andere in der Vergangenheit, als es
noch möglich war, nicht intensiv dazu befragt, bzw. habe ihre Erzählungen nicht
genug beachtet. Frau Moeck geb. Wolfgram erinnert sich nur, dass die Familie
Falk ohne Ankündigung eines Tages nicht mehr da war. Meine Mutter lebte und
arbeitete zu der Zeit vermutlich in Arnswalde; meinen Vater kann ich leider
nicht mehr danach fragen. Der Wegzug der Falks muss vor der Hochzeit meiner
Eltern im Jahr 1935 gewesen sein, denn sie sind nicht mehr als Gäste auf dem
Hochzeitsfoto zu sehen.
Näheren
Aufschluss über die Ereignisse in Arnswalde gibt der Journalist Götz Aly in
seinem Buch "Im Tunnel", in dem er das Schicksal des jüdischen Mädchens Marion
Samuel beschreibt (Fischer Taschenbuch 16364). Ihre beiden Onkel betrieben dort
das "Berliner Warenhaus". Im Jahr 1925 wohnten in Arnswalde (14 000 Einw.) 97 Juden
mit verschiedensten Berufen. Sie waren geachtet und lebten als Juden
unbehelligt. Das änderte sich jedoch bald im Jahr 1933. Beginnend mit verbalen
und tätlichen Einzelaktionen der NSDAP und dann durch staatlich gelenkte
Maßnahmen wurden die Juden zunehmend terrorisiert. Die jüdischen Geschäfte
wurden boykottiert. Zweimal wurden bis Anfang 1934 die Schaufensterscheiben und
Auslagen des Berliner Kaufhauses zertrümmert. Die Samuels schlossen daraufhin
und verkauften das Anwesen an die Städtische Sparkasse. Sie zogen nach Berlin,
wie viele andere Juden wohl in der Hoffnung, in der Anonymität der Großstadt
ungestört leben zu können. In Arnswalde sollen auch Familien Falk gelebt haben
Nach Erzählungen gab es außerdem in der Kleinstadt Reetz des Kreises ein
Tabakwarengeschäft Falk. Eines Tages war auch dort der Laden der jüdischen
Besitzer mit Brettern vernagelt.
Es ist
nicht bekannt und wohl auch nicht anzunehmen, dass es in dem kleinen Kürtow von
Dorfbewohnern zu Tätlichkeiten gegen die jüdische Familie Falk kam. Denkbar ist,
dass Parteigenossen und andere gewollt oder auch nur gezwungenermaßen auf
Distanz gingen. Die Falks werden die Situation in Deutschland, in Arnswalde und
der näheren Umgebung beobachtet und sich vermutlich ebenfalls 1934 zur
Geschäftsaufgabe entschlossen haben. Unter welchen Bedingungen dann das Anwesen
auf Georg Grassnik, den späteren Ortsgruppenführer der NSDAP überging, ist nicht
bekannt.
Nach dem
Krieg haben die Falks wieder Verbindung mit meinen Eltern aufgenommen. Sie waren
wohl rechtzeitig nach dem Weggang aus Kürtow nach Brasilien ausgewandert. Berthold
ist in Sao Paulo als Mitinhaber (?) einer Im- und Exportfirma für rostfreien
Stahl zu Wohlstand gekommen. Elli hat einen polnischen (?) Auswanderer geheiratet
und lebte in mittleren Verhältnissen. Sie stand noch bis nach dem Tod meines
Vaters (1972) mit uns im Briefwechsel. Auf einer Europareise mit ihrem Sohn um
1960 hat sie uns und die Familie Butt aus Kürtow über ein Wochenende nach
Amsterdam eingeladen, was ich noch in guter Erinnerung habe. Deutschland wollte
sie auf keinen Fall mehr betreten. Berthold hat meinen Vater einmal auf einer
Durchreise vom Flughafen Frankfurt aus telefonisch gesprochen.
Die Jahre
1939-1945 waren natürlich auch in Kürtow vom Krieg überschattet. Viele Männer
wurden zur Wehrmacht eingezogen. Bald waren Gefallene, Verwundete und Vermisste
zu beklagen. Waren es anfänglich die Siegesmeldungen, so bestimmten später die
Durchhalteparolen die Nachrichten. Im Rahmen des "Winterhilfsdienstes" wurden
für die Frontsoldaten warme Kleidung und Schlitten gesammelt. An jeder Haustür
klebte das Schild "Pst - Feind hört mit". Von den Sorgen und Ängsten meiner
Eltern habe ich als Kind nichts mitbekommen. Gegen Ende des Krieges kamen
Bombengeschädigte, Soldaten und ganz zum Schluss Ostflüchtlinge zur
Einquartierung ins Dorf; und schließlich geriet auch Kürtow in den Frontbereich.
Auf dieses Geschehen werde ich in den folgenden Kapiteln näher eingehen.
Wilhelm Burow, Essen im Dezember 2004